MARIA ENTLAUBT DIE BÄUME      

 

Ich habe sie Maria genannt.

Gegrüßet seiest du, hätte ich ihr gerne zugerufen.

Maria stand unter Bäumen.

In einem Herbst unter Bäumen, die keinen Wald bilden wollten. Jedenfalls nicht so einen, wie sie ihn gekannt haben mochte. Den Blick nach innen gerichtet, die Augen geschlossen. Zu schwer trugen sie am schwarzen Strich ihrer Lider.

Ihre Hände sprachen miteinander. Kyrillisch.

Maria stand unter Bäumen und sang.

Machte den Wald, der keiner war, zu einer Kirche, einer Kathedrale, gotisch wie die gestrichelten Bögen ihrer Augenbrauen. Band mit ihrem Ave die dürftigen Birken und Buchen zu einem Dom.

Maria sang ihr Gebet unter Bäumen.

Ließ das Gold ihrer Kehle durch das Gold ihrer Zahnreihen fließen. Ließ die füllige Brust sich heben und senken. Unter dem Rosenmuster des Polyesterkleids. Gratia plena perlte es von Lippen und Lippenstiftkrümeln, während die, auf ewig erblühten Rosen im Atemtakt wogten. Et benedictus fructus ventris. Vor sachte vergehendem Laub.

Maria füllte den Wald mit Klang.

Voll der Gnade. Ließ die Vögel verstummen und aus ihrer Stimmritze bittere, süße Worte steigen. Ritzte Trost in nasse Rinden. Gebar aus ihrer Not den Ton. Frucht ihres Leibes.

Ließ Blätter, Boden, Bäume  erzittern nunc, et in hora mortis nostrae. Bis auch das letzte Laub an den Ästen sich ohne Bedauern auf den Schwingen und Schwingungen ihrer Stimme zu Boden tragen ließ.

Die Blätter lagen ihr zu Füßen.

Maria schwieg unter den Bäumen.

Ora pro nobis hätte ich ihr gern zugerufen.

Maria.